3 000 Blätter aus NS-Zeit durchforstet

Aufnahmegesuch eines Gernsbacher Bürgers in die NSDAP vom 20. Juli 1933, das dieser unmittelbar an Reichsstatthalter Robert Wagner richtete. Am Rand ist die Entscheidung 'Ablehnen unter Angabe der Gründe' festgehalten.  Foto:  Stadt Gernsbach

Gernsbach (red) - Bislang unbekannte Parteiakten werfen neues Licht auf die Geschichte Gernsbachs in der NS-Zeit. "Es sind an die dreitausend Blatt an Dokumenten", berichtet Wolfgang Froese, der die historischen Unterlagen auf Anregung von Stadtarchivar Winfried Wolf seit Mai gesichtet, geordnet und verzeichnet hat. Unter der Signatur "Sg.-NS" stehen sie interessierten Bürgern jetzt zur Nutzung im Stadtarchiv zur Verfügung.

Wie an vielen Orten versuchten die Funktionäre des nationalsozialistischen Regimes auch in Gernsbach, belastende Unterlagen im Frühjahr 1945 beim Herannahen der Front zu vernichten. In diesem Fall gelang es aber nur zum Teil. "Es handelte sich oft um lose Blätter, die den Aktenordnern bereits entnommen worden waren, aber dann nicht mehr vernichtet werden konnten", erläutert Froese, der zum Jahresende die Leitung des Stadtarchivs übernehmen wird, die Fundsituation. Die zerstreuten Papiere wurden offenbar nach dem Einmarsch der französischen Truppen in Kartons gesammelt und im Rathaus gelagert. Von dort gelangten sie unsortiert ins Archiv.

Soweit möglich, wurden die Papiere jetzt bei ihrer Ordnung in ihrem Entstehungszusammenhang belassen. War dieser nicht mehr nachvollziehbar, wurden sie nach den verschiedenen NS-Organisationen getrennt und sodann sachlich und chronologisch sortiert. Sofern eine zeitliche Einordnung nicht mehr möglich war, wurden die Blätter am Ende der neu gebildeten Akten einsortiert. "Es gibt deshalb zu jeder der 26 Verzeichniseinheiten eine Erläuterung", sagt Froese, "damit den Nutzern klar ist, wie diese aufgrund der Auffindesituation entstanden sind."

Die NS-Unterlagen betreffen die Jahre von 1930 bis 1945. Von besonderem Interesse für die Geschichte des gesamten Murgtals ist eine vollständig erhaltene Akte, die die Korrespondenz der NSDAP-Ortsgruppe Gernsbach mit der Bezirksleitung in Baden-Baden enthält und die lokalen Aktivitäten der Partei in der Endphase der Weimarer Republik spiegelt. Gut dokumentiert ist die Tätigkeit der Deutschen Arbeitsfront, von der auch Stimmungsberichte aus den Betrieben mit zahlreichen wertvollen Informationen überliefert sind. Erster Nutzer war Kreisarchivar Martin Walter, der den neu gebildeten Bestand des Stadtarchivs für seinen Beitrag zum Jubiläumsbuch "800 Jahre Gernsbach" ausgewertet hat.

Bürgermeister Julian Christ hat sich einige der Unterlagen zur Einsicht geben lassen. "Auch wenn es sich teilweise nur um Aktensplitter handelt, ermöglichen diese Quellen spannende lokale Einblicke in den Alltag unter einer Diktatur", hebt er hervor und fügt hinzu: "Es zeigt wieder einmal, dass das Stadtarchiv eine sehr wichtige Arbeit leistet."

Infos: Das Stadtarchiv Gernsbach befindet sich in der St.-Erhard-Straße 13 in Obertsrot. Es ist erreichbar unter (07224) 6570802 oder per E-Mail an: stadtarchiv@gernsbach.de. Geöffnet ist das Archiv montags bis mittwochs von 8 bis 12 und 14 bis 16 Uhr, donnerstags von 8 bis 12 und 14 bis 18 Uhr sowie freitags von 8 bis 13 Uhr.

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