Die vergessene Mutter des Roten Kreuzes

Großherzogin Luise von Baden gilt als Wegbereiterin der sozialen Wohlfahrts- und Krankenpflege.  Foto: Gareus-Kugel

Gernsbach (vgk) - Die gesellschaftlichen Verhältnisse im 19. Jahrhundert waren oft unerfreulich. Die Menschen hatten mit Kriegen, Missernten, Hunger und Krankheiten zu kämpfen. Eine medizinische Versorgung konnten sich nur Vermögende leisten. Krankenpflege war zu jenen Zeiten ausschließlich Angelegenheit der Familie. Dies sollte sich in unserer Region mit Großherzogin Luise von Baden grundlegend ändern und zur Gründung von Rot-Kreuz-Ortsverbänden wie vor 150 Jahren in Gernsbach führen. Eine BT-Serie, die heute beginnt, erzählt davon.

Sie gründete mit nur 20 Jahren 1859 den Badischen Frauenverein, der die Ziele des später entstandenen Roten Kreuzes vorwegnahm. Luise von Baden ist die vergessene Mutter des Roten Kreuzes, wie die Biografie von Kurt Bickel titelt.

Die Publikation, herausgegeben vom DRK-Kreisverband Karlsruhe, erzählt ihre Geschichte. Sie gründete nicht nur die erste Rotkreuzorganisation, sondern war auch Wegbereiterin der sozialen Wohlfahrts- und Krankenpflege im Großherzogtum.

Als preußische Prinzessin und Tochter des späteren Kaisers Wilhelm I. und dessen Frau Auguste hatte sie es, nach ihrer Heirat 1856 mit Friedrich I. von Baden, zuerst nicht leicht. Zu gut war den Badenern noch die 1849 erfolgte Einnahme der Festung Rastatt und die damit verbundene Niederschlagung der badischen Revolution durch Wilhelm, den "Kartätschenprinzen" in Erinnerung.

Den Samen der Barmherzigkeit legten bei ihr Mutter Auguste und eine Großmutter, die russische Großfürstin Maria Pawlowna und die Großherzogin von Sachsen-Weimar. Alle drei Frauen fühlten sich der Idee der Wohltätigkeit und der praktizierenden christlichen Nächstenliebe verpflichtet.

Die am 3. Dezember 1838 als preußische Prinzessin in Berlin geborene Luise kommt frühzeitig mit dem Wohlfahrtsgedanken in Berührung. Durch ihre soziale Einstellung und disziplinierte Pflichterfüllung erwarb sich die Preußen-Prinzessin schnell den Respekt ihrer Untertanen. Am 4. Juni 1859 gründete sie in Karlsruhe den Badischen Frauenverein. Er ist ihr großes Lebenswerk.

Die Satzung entsprach in vielen Beschlüssen schon der Genfer Konvention: Im Kriegsfall in Not geratenen Menschen sowie verwundeten und erkrankten Militärpersonen zu helfen. Unmittelbarer Anlass dafür war der italienische Krieg 1859. Dessen Grausamkeiten forderten einen hohen Blutzoll. Vielen verletzten Soldaten konnte aufgrund mangelhafter medizinischer Versorgung nicht geholfen werden. Rund 120000 Menschen starben zudem an Cholera und Kälte.

Henry Dunant sorgt für Genfer Konvention

Diese grauenvollen Eindrücke bewegten den Urvater des Roten Kreuzes, Henry Dunant, fast zeitgleich zum Verfassen seiner Denkschrift. Seine Schrift endete mit dem Aufruf an die Menschen Europas, Hilfsgesellschaften für die Opfer der Kriege zu gründen. Sie mündete in die am 22. August 1864 beschlossene 1. Genfer Konvention. Dunant, Luise und Auguste kannten sich gut von gemeinsamen Sommeraufenthalten in Baden-Baden. Der Verdienstorden "Großherzogin Luise von Baden" ist auch die höchste Auszeichnung, die der DRK-Landesverband zu vergeben hat.

Doch Luise war die Beschränkung auf Menschen, die durch kriegerische Handlungen zu Schaden kamen, zu wenig. Sie hatte die Überwindung von Notständen jeglicher Art im Blick. Die von der Großherzogin ausgegebene Parole lautete daher: "Vorbeugen, helfen, heilen." Am 19. Juni 1866, während des preußisch-österreichischen Kriegs, bat der Frauenverein in Genf um die Anerkennung als Rot-Kreuz-Organisation. Das Badische Rote Kreuz wurde aus der Taufe gehoben.

In Gernsbach gründete sich als achte Stadt im Großherzogtum 1846 ein Frauenverein. Anlass war der Hungerwinter 1845/1846. Die Statuten beinhalteten, den Armen der Stadt durch Spinnen, Stricken, Nähen und Weben Arbeit sowie Verdienst zu verschaffen. Die Gemeinde unterstützte die Vereinsarbeit mit einem erklecklichen Betrag. Mit den Jahren erlahmte das Engagement. Erst 1866 sollte die Vereinsarbeit wieder Fahrt aufnehmen. Zudem stand die Gründung einer Diakonissen-Station zur Disposition. Am 12. August 1868 erklärten 93 Frauen ihren Beitritt zum Frauenverein. Diese Neugründung des Vereins vor 150 Jahren, "als Zweig des Landesvereins vom Roten Kreuz", gilt als die Geburtsstunde des DRK-Ortsvereins Gernsbach.

Fortsetzung folgt

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