Teures "Hirsch-Gericht" verbilligt sich

Immer wieder büxen Tiere aus dem Rotwild-Gehege in Bermersbach aus und müssen zurückgebracht werden.  Foto: Jahn/BT-Archiv

Von Hartmut Metz

Gernsbach - Einen leicht bitteren Nachgeschmack hat gestern das Gernsbacher "Hirsch-Gericht" hinterlassen. Ein Tiergehege-Besitzer aus Rauental half seinem Kollegen aus Bermersbach, ein ausgebüxtes Rotwild mit einer Narkosespritze zu stoppen - und kam dadurch in Teufels Küche. Doch Amtsrichter Ekkhart Koch sah es gelassener als das Landratsamt in Rastatt. Er fand nur ein kleines Haar in der Suppe und verbilligte den Preis für das versalzene Hirsch-Gericht deutlich.

Dass der kuriose Fall überhaupt zweimal vor den Kadi kam, dürfte vor allem darin begründet liegen, dass der Angeklagte im Dauerclinch mit der zuständigen Behörde beim Landratsamt liegt, die auch Anzeige erstattet hatte. Die als Zeugin geladene Amtstierärztin lieferte sich zwischen den Fragen von Amtsrichter Ekkhart Koch mit dem Angeklagten mehrere kurze Wortduelle. Auch der Forbacher Tiergehege-Betreiber musste erst einmal tief durchatmen, ehe er Kochs Forschen nach dem "Verhältnis zum Landratsamt" beantwortete: "Schlecht! Man erhält keine Unterstützung und hat nur Ärger", beklagte der 81-Jährige auch mit Blick auf eine versagte Berechtigung, "ein Narkosegewehr zu führen", obwohl der Forbacher 2010 den vorgeschriebenen Narkose-Kurs absolviert hatte. "Ich bin ein einfacher Bürger. Ich ,händle' nicht mit Behörden herum", nannte der Rentner als Begründung, warum er nicht auf sein Recht pochte.

So musste der Tiergehege-Besitzer im August 2017 einen Tierarzt auftreiben, der Jagd auf sein entsprungenes Wild machte. Schließlich fürchtete er einen Verkehrsunfall. Doch sein zuständiger Veterinär absolvierte im Moment des Anrufs eine Operation. Daraufhin verständigte der Rentner kurzerhand seinen erfahrenen Kollegen aus Rauental, dass sein hoher Zaun wieder einmal beschädigt worden war und ein Schmaltier verschwand. Der 65-Jährige eilte trotz Regens unverzüglich mit seinem Luftgewehr herbei und verpasste dem ins benachbarte Ziegengehege geflüchteten Vierbeiner "aus vielleicht 15 bis 20 Metern Entfernung" eine ordentliche Portion Narkosemittel. "Der Hirsch rennt noch ein Stück, dann liegt das Weibchen am Boden", berichtete der Angeklagte von der kurzen Jagd vom Wildgehege aus. "Unter dem Elektrozaun hindurch" zogen die Tiergehege-Betreiber dann gemeinsam den "rund 60, 70 Kilogramm schweren Hirsch" wieder in sein angestammtes Revier.

Der Angeklagte wollte laut seines Anwalts aus Karlsruhe zunächst schweigen - doch Koch löste einmal mehr mit seiner gewinnenden Art die Zunge eines vermeintlich Verstockten. Der Rentner entpuppte sich dabei als Experte, der dank seiner rund zehnjährigen Arbeit in der Pferdeklinik in Iffezheim nach eigenen Ausführungen mehr von Narkotisierung versteht als mancher Veterinär. "Ich kenne einen Tierarzt aus Freiburg, der vier Rehe narkotisierte - keines wachte mehr auf." Dagegen habe er vor allem in Russland, wo er die Berechtigung dazu besitze, "800, 900 Tiere narkotisiert und keines ist gestorben".

Wegen "fehlender Unterlagen" - die der Angeklagte eingereicht haben will, das Landratsamt aber das Gegenteil moniert - hätte er den Medikamenten-Cocktail aber dem Hirsch nicht verpassen dürfen. Und angeblich wegen fehlender Waffenbefähigung hätte der Rentner auch statt des leichten Luftgewehrs ein Blasrohr nutzen sollen - was dieser jedoch wegen der Entfernung von mehr als 15 Metern für untauglich hielt. "Wir haben uns keine Gedanken gemacht, dass wir uns ein Ei ins Nest legen", gestand der Besitzer des Bermersbacher Tiergeheges, in dem zwei Hirsche, ein Dutzend weibliches Rotwild und rund 25 Damwild-Tiere leben.

Im Gegensatz zum Staatsanwalt schmetterte Koch den Vorwurf ab, der Angeklagte habe gegen das Waffengesetz verstoßen. Schließlich könne jeder das benutzte Luftgewehr ab 18 Jahren ohne Befähigungsnachweis erwerben und als Jäger dürfe der Angeklagte auch ausgebrochenes Wild jagen. Der Staatsanwalt plädierte dafür, die einst verhängte Strafe von 70 Tagessätzen auf nun 50 zu je 20 Euro zu senken. Angesichts der äußerst spärlichen Rente von lediglich 500 Euro unterbot Koch den Antrag mit 20 Tagessätzen zu 20 Euro, die in sechs Monatsraten zu begleichen sind. Grund ist ein Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz: Der Schütze hätte die Narkose vom zuständigen Tierarzt beziehen müssen, hatte jedoch den Medikamenten-Mix laut vorgelegter Rechnung für 32,35 Euro von einem Tierarzt in Templin bezogen.

Dem entlaufenen Hirsch kann es mittlerweile egal sein, von wem die Narkose stammte. Das Schmaltier wurde inzwischen geschlachtet und verspeist. Koch maliziös dazu: "Strafe muss sein!" Die für den hilfsbereiten Angeklagten fiel erträglicher aus, zumal der frühere Arbeiter seine bescheidene finanzielle Lage schon zu Anfang philosophisch kommentiert hatte: "Reich ist, wenn man zufrieden ist!"

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