Wo für das Berufs-Leben gelernt wird

Wo für das Berufs-Leben gelernt wird

Von Thomas Senger

Gaggenau -125 Jahre Automobilbau in Gaggenau werden in diesem Jahr gefeiert. Das Mercedes-Benz-Werk hat darüber hinaus ein weiteres Jubiläum: 100 Jahre Ausbildung am Standort. Mit einem Festakt in lockerer Atmosphäre wurde gestern im Ausbildungszentrum an den Beginn der beruflichen Bildung am 1. Juli 1919 erinnert.



295 Auszubildende zählt der Standort dieses Jahr, zwei von ihnen, Magdalena Helmstätter (19) und Loris Strobel (21), führten als sympathische Moderatoren durch das Programm. Standortleiter Thomas Twork erinnerte daran, dass Gaggenau nach Mannheim und Untertürkheim das dritte Werk sei mit einer 100 Jahre währenden Tradition in der Ausbildung. Über 10 000 junge Menschen haben seit 1919 hier eine Lehre absolviert. Am 1. Juli 1919 hatte damals die duale Ausbildung in Gaggenau für 71 Lehrlinge begonnen; im Wesentlichen Dreher, Maschinenschlosser, Werkzeugmacher gingen daraus hervor. Heute komme den IT-Berufen in der Produktion eine immer größere Bedeutung zu.

Als Wirtschaftsministerin des Landes blickte Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) auf die "nun härteren Zeiten", die den größten Wandel in der Automobilindustrie mit sich brächten: zum Beispiel neue Firmen, die in die Branche drängen. Die strengen EU-Grenzwerte für Luftemissionen seien ohne E-Fahrzeuge nicht zu erreichen: Die Politik schreibe der Industrie die Technologie vor.

Die Ministerin hofft, dass mehr junge Leute als bisher eine berufliche Bildung anstreben. Diese sei "genauso wertvoll wie die akademische". Eine hohe Qualifikation in der Breite sei ein wichtiger Wettbewerbsfaktor für die Industrie.

Wilfried Porth ist Daimler-Vorstandsmitglied für Personal. Gaggenau sei ein Vorbild, was den Wandel anbelange, stellte er fest. 8 000 Auszubildende weltweit beschäftige der Konzern, davon 6 000 in Deutschland. Die Übernahmequote liege meist bei 100 Prozent.

Von einem "Mekka der Berufsausbildung" sprach Michael Brecht. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende absolvierte in Gaggenau seine Ausbildung. "Veränderungskompetenz" nannte er als wichtigen Standortfaktor, ebenso den Umstand, dass rund 85 Prozent der Beschäftigten eine qualifizierte Ausbildung vorweisen können. Technische, Veränderungs- und Sozialkompetenz sowie Digitalisierungskompetenz seien unabdingbar, war er sich mit Porth einig. Das Unternehmen seinerseits müsse die digitalen Kompetenzen der jungen Menschen nutzen.

Zu einer lockeren Podiumsdiskussion hatte Dr. Thomas Bauer, Leiter Aus- und Weiterbildung bei Daimler Trucks Deutschland, eine Reihe von Gesprächspartnern auf die Bühne geladen.

Launig gestand Regierungspräsidentin Sylvia Felder, dass es gut sei, dass ihre Kinder nicht wie der Vater die Laufbahn des Juristen eingeschlagen haben: Schließlich brauche die Welt auch andere Berufe.

"Ich glaube nicht, dass allen bewusst ist, dass wir ein Industrieland sind", sagte Ingo Zenkner von der Agentur für Arbeit Karlsruhe-Rastatt über die jungen Menschen von heute. Da gelte es anzusetzen. Ein weites Feld eröffne sich auch durch die künftig notwendige Umqualifizierung von Mitarbeitern angesichts des Wandels in der Industrie.

Heinz Ohnmacht (IHK) erinnerte an das Projekt "Wirtschaft macht Schule" der IHK. Es sei wichtig, um Schülern die Realität nahezubringen und das Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge.

Oberbürgermeister Christof Florus versicherte: Schulen zu schließen, dies sei für Gaggenau kein Thema, auch nicht angesichts einiger kleiner Grundschulen. Dem Ausbau der Ganztagsbetreuung gelte ein wichtiges Augenmerk.

Als ehemaliger Auszubildender blickte Roman Zitzelsberger auf seine Anfangszeit im Gaggenauer Benzwerk in den frühen 80er Jahren. Die Befähigung sich weiterzuentwickeln sei damals wie heute wichtig, betonte der heutige Bezirksvorsitzende der IG Metall. Schmunzelnd zitierte er seinen damaligen Ausbilder Siegfried Blödt: "Ein Maschinenschlosser kann alles, und was er nicht kann, das kann er lernen."

Hubertus Merkel (83), ehemaliger Abteilungsleiter in der Technischen Berufsausbildung, übermittelte in Reimform seine besten Wünsche an die jungen Auszubildenden von heut e.

Zur "Ausbildungsnacht" lädt Daimler am Freitag, 24. Mai, von 17 bis 22 Uhr in sein Ausbildungszentrum in der Goethestraße. Einblicke in die Ausbildungsberufe sind möglich. Junge Besucher können bei handwerklichen Aufgaben testen, ob die Vorstellung vom Berufswunsch mit der Praxis übereinstimmt.

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