Strategiepapier soll Abwärtstrend umkehren

Strategiepapier soll Abwärtstrend umkehren

Von Stephan Juch

Gernsbach - Das Juwel, das die Altstadt von Gernsbach darstellt, hat in den vergangenen Jahrzehnten sichtbar an Glanz verloren. Dafür verantwortlich sind bestimmte Fehlentwicklungen, die auch durch die Kommunalpolitik verursacht worden sind. Bürgermeister Julian Christ scheute sich nicht, diese Kritik am Montagabend klar zu äußern: "Einen echten großen Wurf haben wir nicht gemacht." Er gab das klare Ziel vor, den seit den 1970er Jahren anhaltenden Abwärtstrend jetzt umzukehren.

Damals war die historische Altstadt unter Bürgermeister Rolf Wehrle unter Ensembledenkmalschutz gestellt worden. Allerdings verhinderte dieser Status nicht, dass es hernach zu Bausünden kommen sollte. Gebäude (auch in städtischem Besitz wie das Alte Rathaus) wurden nicht immer denkmalgerecht saniert, auch die Kontrolle seitens der Stadt ließ diesbezüglich zu wünschen übrig, wie die Verwaltung einräumte und auf die hohe Auslastung im Baurechtsamt verwies.

Hinzu kommen grelle Werbeschilder, unpassende Rolltore und Rollläden sowie das Bild trübende Mülleimer. Nicht zuletzt ist es die ungeklärte Frage der Verkehrsführung, die an der Aufenthaltsqualität nagt: Parkende Autos sorgen dafür, dass die Wahrnehmbarkeit der historischen Bausubstanz verloren geht, Spaziergänger werden vom fließenden Verkehr verdrängt. Die Folge: Sinkende Besucherfrequenz, mehr Leerstände, weniger Attraktivität - ein Teufelskreis.

"Wichtig, dass nicht nur Papier bewegt wird"

Dieser soll nun im kommenden Jahr durchbrochen werden. Einstimmig folgte der Gemeinderat der Initiative von Bürgermeister Christ, einen Optimierungsprozess in Form eines Strategiepapiers einzuleiten und zudem eine Steuerungsgruppe ins Leben zu rufen. Auch die Bürger sollen in diesen Prozess mit einbezogen werden. "Eine komplexe Aufgabenstellung mit vielen Akteuren erfordert geeignete Formate", erklärte das Stadtoberhaupt: "Denn Anwohner, Gewerbetreibende, Hausbesitzer und Besucher wollen mitgenommen werden und ihre guten Ideen einbringen."

Die Sprecher aller Fraktionen lobten die vom Rathauschef vorgeschlagene Vorgehensweise. "Es ist wichtig, dass nicht nur Papier bewegt wird", forderte Uwe Meyer. Der Fraktionsvorsitzende der Freien Bürger verwies damit auch auf die Aktivitäten im Rahmen des Marketingprozesses und des Stadtleitbildprozesses, aus denen bereits viele gute Ideen zur Entwicklung der Altstadt hervorgegangen seien, von denen es die meisten letztlich aber nur in die Schubladen der Verwaltung geschafft haben.

Auch die Vorstöße seiner Fraktion (und anderer), auf dem Färbertorplatz ein Parkhaus zu errichten, sollten nun wieder ernsthaft verfolgt werden, so Meyer. Zudem machte er sich dafür stark, die derzeit vakante Stelle der Wirtschaftsförderung zu besetzen, die das Thema Altstadt mit der notwendigen Intensität bearbeiten könne.

Als geradezu ideal bezeichnete SPD-Fraktionsvorsitzende Dr. Irene Schneid-Horn den Zeitpunkt für das Strategiepapier: Man habe im Verlauf der Jubiläumsfeierlichkeiten 800 Jahre Gernsbach gespürt, wie viel Herzblut an der Altstadt hängt - nicht zuletzt bei der Denkmalnacht. Die Altstadtsatzung liege seit langem in der Schublade, nur die Umsetzung fehle. "Ich denke, dass die Bürger da auch schon sehr lange drauf warten", ergänzte Stefan Krieg von den Grünen. Und Nico Fatebene (SPD) verwies auf die hohe Expertise aus der Bürgerschaft, "die wir jetzt abholen".

Neben dem Beschluss zum Start der Altstadtentwicklung hat der Gemeinderat einstimmig für die öffentliche Nutzung der Zehntscheuern gestimmt und die Verwaltung damit beauftragt, das Wahrzeichen der Altstadt mit einer maßvollen Nutzung (Christ: "Keine Partyscheune") erlebbar zu machen. Dazu können Weinproben von lokalen Weingütern, das Angebot von Kochabenden durch örtliche Gastronomen oder talentierte Bürger, private Sektempfänge oder Vereinssitzungen sowie touristische Führungen zählen. Das Forum Gernsbacher Zehntscheuern gab bekannt, 30 000 Euro aus dem Vereinsvermögen für den Umbau des Erdgeschosses (Toilette und Küche) zur Verfügung zu stellen.

Thalib Ahmad (CDU) erinnerte an die Jugend, die in Form von schulischen Veranstaltungen oder Ähnlichem in die Zehntscheuern gelockt werden könnte. Irene Schneid-Horn verwies darauf, dass es eine "Tendenz zu besonderen Locations" gebe. Man habe viel Geld in die Sanierung der Zehntscheuern gesteckt, von daher sei eine sinnvolle Nutzung jetzt der nächste logische Schritt für dieses "Aushängeschild", das laut Thomas Hentschel (Grüne) "einen wesentlichen Charakterzug unserer Stadt" darstellt.

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