Von der Freude an einer späten Berufung

Von der Freude an einer späten Berufung

Von Margrit Haller-Reif

Gernsbach - "Ci manchi molto", dahinter ein knallrotes Herz-Emoji - "Du fehlst uns sehr." Die WhatsApp vom Vortag hat Ingrid Thuls italienische Gastmutter geschrieben an "die beste Granny Au-pair der Welt". Besser könnten sich gegenseitige Wertschätzung und die Freude von Ingrid Thul an einer späten Berufung kaum ausdrücken lassen. Als Granny Au-pair in Italien erlebte die Gernsbacherin (76) "eine wunderbare Zeit in einer wunderbaren Familie."

Knapp drei Monate hat sie im Sommer in Belluno verbracht, einer norditalienischen Stadt am Rande der Dolomiten. Bei und mit ihren Gasteltern Francesca und Riccardo, deren Töchtern Marinella (14), Elisa (11), Aurora (1) und zwei Hirtenhunden lebte sie in einem großen Haus mit großem Garten. Einer italienischen Großfamilie im Wortsinn, denn gegenüber wohnt Francescas Schwester mit Familie und Großvater: "Wir haben oft zusammen gegessen, da war immer was los."

Nach zwei Wochen war Ingrid Thul ein weiteres "Familienmitglied", bestens integriert und für Klein-Aurora die geliebte Ersatzoma. Vor allem den älteren Mädchen hätte sie auf elterlichen Wunsch die deutsche Sprache näherbringen sollen. "Das hat letztlich aber eher bei den Eltern geklappt", sagt Ingrid Thul fröhlich. Ihre Italienischkenntnisse dagegen verbesserte sie vorrangig beim Einkaufen oder auf Spaziergängen mit Klein-Aurora. Auch habe sich ihre Gastfamilie bemüht, ihr möglichst viel zu zeigen. So konnte sie zum Beispiel Verona erkunden, während die zwei Großen an einem überregionalen Schwimmwettbewerb teilnahmen. Padua, Venedig, ein Picknick in den Dolomiten, "ich war bei jedem Familienausflug dabei und durfte sogar die Taufe der Kleinen miterleben."

Doch nun alles der Reihe nach: Ingrid Thul liebt Menschen, vor allem Kinder und hat laut eigenem Bekunden ein "Oma-Defizit" mangels eigener Enkel. Das äußert sich auch in der Tatsache, "dass ich an keinem Kinderwagen vorbeigehen kann". Außerdem reist sie gern, ist offen für Neues und Italienisch wollte sie ohnehin schon immer lernen. Nach dem Tod ihres Mannes vor drei Jahren kam bei ihr der Gedanke auf, "noch mal etwas Neues zu unternehmen".

Im Internet stieß sie zufällig auf Informationen über den Granny Au-pair-Service einer Agentur in Hamburg. Sie sei sofort darauf angesprungen, habe sich kostenlos registriert und ihr Profil eingestellt, um sich über Gastfamilien auf Granny Au-pair-Suche informieren zu können. Wenig später wurde sie Mitglied, um sich erstmalig zu bewerben. Der Einstieg bei einer alleinerziehenden Mutter mit zwei kleinen Kindern in Holland gelang aus Termingründen erst beim zweiten Anlauf auf einen Notruf der Mutter hin. "Das hat mir so gut gefallen, dass ich wusste: Das mach' ich wieder."

Wunschziel und zweite Granny Au-pair-Station der agilen Gernsbacherin war Bella Italia - "ein absoluter Volltreffer!" Wichtig seien indes klare Absprachen über Einsatzbereiche und Freizeit. Au Pair heißt "auf Gegenseitigkeit", ein Einsatz wird also nicht bezahlt. Insofern sollte schon im Vorfeld geklärt werden, was beide Seiten erwarten und zu geben bereit sind. Granny Au-pairs erfreuen sich mittlerweile nicht von ungefähr großer Beliebtheit: Viele Gasteltern verbinden mit den Au-pair-Großmüttern Warmherzigkeit und Reife, zudem verfügen sie altersbedingt in vielerlei Hinsicht über ein hohes Maß an Erfahrung.

Die Wochen in Italien mit Francesca und Riccardo und den drei "Mädels" Marinella, Elisa und Klein-Aurora vergingen für Ingrid Thul wie im Flug. Sogar mit den Hirtenhunden hat sie sich angefreundet, obwohl sie vorher im Umgang mit Hunden eher ängstlich war.

Bei ihrer Abreise war die Trauer auf beiden Seiten groß. Ihre Tochter habe sie in Italien abgeholt, der gemeinsame Urlaub im Anschluss daran minderte den Trennungsschmerz beträchtlich. Mittlerweile hat sich Ingrid Thuls Leben und Alltag in Gernsbach wieder eingependelt. Seit ihrer Rückkehr büffelt die Au-pair-Großmutter aus Berufung jedoch im Internetkurs italienische Vokabeln und Grammatik. "Zunehmend gute Italienischkenntnisse" sind die Folge. Mit ihrer Gastfamilie steht Ingrid Thul in regem Whatsapp-Austausch, der Adventskalender für ein Päckchen nach Belluno ist bereits bestellt. Ein Besuch in Italien ist fest eingeplant, "darauf freue ich mich schon jetzt. Und wer weiß, was noch so alles auf mich wartet?!"

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