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Beim Vorlesen gilt: Je öfter desto besser
17.11.2019 - 07:58 Uhr
Baden-Baden - (Vor-)Lesen fördert Kinder in vielen Bereichen. Kinder, die mit Büchern aufwachsen, kommen laut Studien nicht nur in der Schule besser zurecht, sie entwickeln auch mehr soziale Kompetenzen und erreichen höhere Bildungsabschlüsse. Gleichzeitig lesen aber nach der Vorlesestudie 2019 Eltern immer weniger vor. Lese- und Literaturpädagogin Tanja Eger, die die Baden-Badener Buchhandlung "Mäx+Moritz" leitet, gibt im Interview mit BT-Redakteurin Stephanie Hölzle Tipps rund ums Vorlesen und erklärt, warum Vor- und Selberlesen so wichtig ist.

BT: Frau Eger, was macht das (Vor-)Lesen denn so sinnvoll und worin liegt genau der Nutzen - lang- wie kurzfristig?

Eger: Bücher und Geschichten bieten Kindern Lernprozesse, die sie durch andere Medien nicht oder nur in geringem Maße erfahren. Diese Lernprozesse beziehen sich auf die persönliche Entwicklung der Kinder und ihre sprachliche und kognitiven Fähigkeiten. Vorlesen dient also nicht allein der Unterhaltung, sondern langfristig dem literarischen Lernen, wie zum Beispiel der Entwicklung von Fantasie ("Kopfkino"), dem Hineinversetzen-Können in andere Personen, der Selbstreflexion und einem Perspektivwechsel. Ganz nebenbei nimmt das Kind Handlungslogik und sprachliche Gestaltung wahr und wird mit einem Wortschatz vertraut, der ihm im Alltag nicht begegnet. Für den Vorleser ergibt sich eine besondere Art der Nähe und Zuwendung in der gemeinsam erlebten Geschichte, die sich langfristig immer auszahlen wird, denn geteilte Zeit ist in unserem vollen Alltag von großem Wert.

BT: Haben Sie Tipps, wie man ein Kind, das sich nicht (mehr) für das Vorlesen interessiert, dafür begeistern kann? Und was ist ein gutes "Maß" beim Vorlesen?

Eger: Ich glaube, dass jedes ernsthafte Angebot, gemeinsam in eine Geschichte zu versinken, von keinem Kind ausgeschlagen wird, wenn die Geschichte passend gewählt wurde. Vielleicht braucht es manchmal etwas Geschick und Taktik, um die Neugierde zu wecken, aber die Mühe lohnt sich! Idealerweise ist Vorlesen ein festes Ritual im Alltag, dann genügen auch zehn bis 15 Minuten täglich. Leider ist das nicht immer möglich, deshalb gilt: Je öfter desto besser! Außerdem gibt es wohl keinen schöneren Weg, sich aus dem Tag zu Verabschieden und zur Ruhe zu kommen - gerade für Kinder.

BT: Ab welchem Alter ist Vorlesen überhaupt empfehlenswert? Und wie lange ist es denn sinnvoll - wenn das Kind beispielsweise schon selbst lesen kann?

Eger: Man kann nicht früh genug anfangen vorzulesen. Und bei einem Baby ist eigentlich auch egal, was Sie vorlesen, da geht es hauptsächlich um den Klang der vertrauten Stimme, Nähe und die Sprachmelodie. Außerdem kann man mit Vorlesen immer anfangen, auch wenn man die ersten Jahre versäumt hat. Keinesfalls sollten Eltern aufhören vorzulesen, nur weil das Kind selbst lesen lernt. Lesen ist gerade in der Anfangszeit des Erlernens elend anstrengend. Um in den Genuss einer Geschichte zu kommen, sich fallen lassen zu können, braucht es aber Entspannung, der sich ein Kind beim Zuhören hingeben darf. Solange das Kind bereit ist, mit seinen Eltern Geschichten zu teilen, sollte man auch nicht aufs Vorlesen verzichten - denn das geht selbst noch bei Pubertierenden und Erwachsenen - probieren Sie es doch mal selbst aus!

BT: Vorlesen fördert die Sprachentwicklung. Wie ist es denn bei Kindern, die mehrsprachig aufwachsen bzw. Deutsch als Fremdsprache zu erlernen haben? Kann Vorlesen hier einen positiven Beitrag leisten und wenn ja auf welche Weise?

Eger: Der S prachförderbedarf bei Kindern aller Gesellschaftsschichten wächst stetig an. Deshalb ist Vorlesen bei allen Kindern immens wichtig. Kinder, die mehrsprachig aufwachsen sollten genauso viel vorgelesen bekommen wie andere. Hier hat sich herausgestellt, dass es wichtig ist, dass die Eltern in ihrer jeweiligen Muttersprache vorlesen. Dadurch erhält das Kind eine wichtige sprachliche und grammatische Basis, die ihm bei Erlernen von weiteren Sprachen hilfreich ist. Das ist dienlicher, als wenn sich Eltern zwar in einer fremden Sprache bemühen, aber doch unsicher sind, weil es nicht ihre Muttersprache ist.

Lesepädagogin Tanja Eger hat für das BT eine kleine Liste an Lesetipps für verschiedene Altersstufen zusammengestellt:

Für Kinder ab 3 Jahren:

Charlotte Inden: Bei mir zu Hause wohnt ein Tiger (Vorlesegeschichten)

Ab 4 Jahren:

Andreas H. Schmachtl: Missi Moppel, Detektivin für alle Fälle

Miriam Zedelius: Lotte und die Oma-Tage

Ab 6 Jahren:

Jonny Bauer: Ein Affe an der Angel

Nasrin Siege, Barbara Nascimbeni, Kerstin Meyer: Morgen kommt die Hyäne zum Essen (Afrikanische Tiergeschichten)

Ab 9 Jahren:

Birge Tetzner: Fred bei den Wikingern

10 bis 13 Jahre:

Andreas Steinhöfel: Froschmaul.

Ab 12 Jahren:

Michael Ende: Die unendliche Geschichte

Für Weihnachten: Wiebke Andersen (Hg.): Ein Stern strahlt in der dunklen Nacht

"Vier Fragen an:" ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags um 8 Uhr auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

Foto: Nathalie Dautel

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