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Vier Fragen an Karsten Malige
Vier Fragen an Karsten Malige
08.12.2019 - 07:00 Uhr

Muggensturm (kie) - Seit mehr als acht Jahren herrscht in Syrien Krieg. Über 13 Millionen Menschen sind laut Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) seither auf der Flucht. Karsten Malige ist Vorsitzender des Vereins Syrienhilfe, der in der Region humanitäre Hilfe für die Opfer des Konflikts leistet. Am heutigen Sonntag, 8. Dezember, findet zugunsten des Vereins um 11.15 Uhr ein Benefizkonzert in der Orangerie des Brenner's Parkhotels statt. Mit BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch sprach Malige über die Arbeitsschwerpunkte der Syrienhilfe, die Motivation hinter der Vereinsgründung und den nach wie vor großen Bedarf an Spendengeldern.

BT: Herr Malige, warum engagieren Sie sich in Syrien?

Karsten Malige: Ich kenne die Region gut, als Vermessungsingenieur war ich beruflich von 1997 bis Dezember 2010 immer wieder in Syrien und habe dort archäologische Ausgrabungen begleitet. Ursprünglich war geplant, im April 2011 wieder nach Syrien zu fahren, doch im März brach dort der Bürgerkrieg aus. Das war ein furchtbares Gefühl. Auch deshalb, weil viele persönlichen Bekanntschaften bestanden. Und dieses Gefühl konnte eigentlich nur umgeleitet werden, indem 2012 der Verein von einer Gruppe von Ärzten, Ingenieuren, Archäologen, Lehrern und Künstlern gegründet wurde. So konnte die Ohnmacht über die Geschehnisse in Syrien einigermaßen beseitigt werden. Die Hilflosigkeit wurde in Hilfe umgewandelt.

BT: Wo liegen denn die Schwerpunkte der Syrienhilfe?

Malige: Zunächst einmal sind wir nicht nur in Syrien tätig, sondern unterstützen auch Syrer in den Nachbarländern Libanon und Türkei, etwa indem wir ein Zentrum für geistig, körperlich und mehrfach behinderte Menschen in Istanbul aufgebaut haben, das zuvor in Damaskus ausgebombt wurde. Im Libanon betreiben wir beispielsweise in Beirut eine Schule für rund 450 syrische Kinder oder ein Zentrum für syrische Flüchtlingsfrauen, in dem diese auch eine Ausbildung absolvieren können.

In Syrien ist die Hilfe ebenfalls breit gefächert: In Damaskus verteilen wir seit Beginn unserer Tätigkeit beispielsweise Nahrungsmittelpakete an mittellose Familien. Ebenfalls in Damaskus kümmern wir uns darum, dass innersyrische Flüchtlingsfamilien eine Wohnung und Einrichtungsgegenstände wie Matratzen oder Kochutensilien erhalten. Wir sind an einigen Bildungsprojekten beteiligt, eine Schule für rund 400 Schüler entstand beispielsweise in der Region Idlib. Dort, in den wilden Flüchtlingslagern von Idlib, bieten wir auch in mittlerweile zehn Garküchen täglich warme Mahlzeiten für die Bewohner an. Monatlich werden so rund 46.000 Menschen von uns versorgt.

BT: Die Syrienhilfe ist international tätig. Ist es da nicht ungewöhnlich, dass ihr Hauptsitz in Muggensturm ist?

Malige: Das ist ein häufiger Trugschluss. Einen international tätigen Verein erwartet man eher in Berlin oder einer anderen Großstadt. Doch man muss nicht in einer Weltstadt den Sitz eines global tätigen Unternehmens haben. Mit der Globalisierung und Digitalisierung ist das längst nicht mehr nötig. Weil ich aus Muggensturm komme, lag es nahe, auch hier den Vereinssitz zu hinzulegen.

BT: Der Syrienkonflikt dauert nun schon mehr als acht Jahre an. Viele Hilfsorganisationen beklagen einen Rückgang der Spendenbereitschaft. Sie auch?

Malige: Ja, die Spendenbereitschaft ist massiv eingebrochen. Ich stelle da eine gewisse Müdigkeit bei den Leuten fest. Das Thema hat derzeit keine breite Öffentlichkeit mehr. So werde ich beispielsweise auch gefragt: ,Braucht ihr denn noch Spenden?' Dann sage ich: ,Ja natürlich brauchen wir die nach wie vor.' Sie müssen sich vorstellen: Ein Drittel der syrischen Bevölkerung ist momentan auf der Flucht, über 80 Prozent der Zivilbevölkerung benötigt dringend Hilfe.

Deshalb freuen wir uns natürlich auf die Matinee im Brenner's Parkhotel. Wir haben dabei das Glück, dass die fünf Musiker kostenlos auftreten und wir auch die Räumlichkeiten kostenfrei dürfen. Der komplette Erlös dieses Benefizkonzerts fließt also in die Arbeit der Syrienhilfe. Die Besucher können sich auf ein schönes Adventskonzert freuen und uns gibt die Matinee auch die Möglichkeit, Interessierten von unserer Arbeit zu erzählen.

Das Konzert findet am heutigen Sonntag, 8. Dezember, um 11.15 Uhr statt. Dabei werden Werke von Brahms, Schubert und Schumann in der Orangerie im Brenner's aufgeführt. Der Eintritt ist frei, um eine Spende wird gebeten.

Weitere Informationen zur Syrienhilfe und zu Spendenmöglichkeiten finden sich unter www.syrienhilfe.org.

"Vier Fragen an:" ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind.

Foto: Karsten Malige

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