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In Ost-Berlin hagelt es Rücktritte
In Ost-Berlin hagelt es Rücktritte
01.11.2019 - 06:00 Uhr
Von Werner Kolhoff

Berlin - In Ost-Berlin hagelt es Rücktritte. Der Vorsitzende des DDR-Gewerkschaftsbundes FDGB, Harry Tisch, stellt sein Amt zur Verfügung, ebenso der Chef der Ost-CDU, Gerald Götting, und der der NDPD, Heinrich Homann. Die Nachrichtenagentur ADN meldet im DDR-Jargon auch, dass "der Minister für Volksbildung", Margot Honecker, "aus persönlichen Gründen" um Entlassung gebeten hat. Der neue Ministerrat zeigt ungeahnte Offenheit.

So ausführlich war ein Bericht von einer Regierungssitzung noch nie, wie ich ihn heute bei der DDR-Nachrichtenagentur lese, die wir im Rathaus Schöneberg ständig auswerten. Egon Krenz zelebriert seine Wende. Von einer "kritischen politisch-ökonomischen Lage" ist die Rede, von zahlreichen "Aussprachen", die die Regierung mit Arbeitskollektiven führe, vom Ausbau des "sozialistischen Rechtswesens". Über das geplante neue Reisegesetz heißt es nur, dass es behandelt worden sei und "in den nächsten Tagen öffentlich zur Diskussion" gestellt werde. Das klingt so, als bleibe es beim Inkrafttreten Anfang Dezember, wie uns angekündigt wurde.

Die alte DDR-Regierung zerfällt, und mit ihr das Land. 161 000 Ostdeutsche sind in diesem Jahr schon in die Bundesrepublik übergesiedelt. 100 000 mit offizieller Ausreisegenehmigung. Die anderen illegal über die ungarische Grenze oder die deutsche Botschaft in Prag. Es sind Zahlen wie kurz vor dem Mauerbau. Und gerade heute erreichen uns Bilder, dass die Prager Botschaft schon wieder brechend voll ist - über 5 000 Frauen, Männer und Kinder warten in dem völlig zermatschten Garten, dass auch sie in den Westen dürfen, wie die anderen vor ihnen. Das ist keine Reise-, sondern eine Fluchtwelle. Wir in Berlin merken das besonders. Das Grenzübergangslager in Marienfelde ist überfüllt.

Unsere Arbeitsgruppe trifft sich am Mittwoch, 1. November 1989, zum ersten Mal. 21 Beamte aus allen Verwaltungen und den Bezirken kommen nachmittags um halb fünf im Rathaus Schöneberg zusammen. Ich ergreife zu Beginn das Wort und sage, dass Berlin für alle DDR-Bürger das bevorzugte Reiseziel sein wird, wenn das DDR-Gesetz kommt. Dass wir mit Hunderttausenden von Besuchern rechnen und wegen der Sensibilitäten in der Stadt alles sehr sorgfältig vorbereiten müssen.

In vielen Abteilungen ist schon vorgearbeitet worden, so dass wir jetzt nur noch den jeweils letzten Stand abfragen: Verhandlungen über neue Grenzübergänge, die Auszahlung des Begrüßungsgeldes, die Vorbereitungen der Krankenhäuser und der Sozialdienste auf Hilfebedürftige und Flüchtlinge, der Nahverkehr, die Information der Einreisenden. Alle Verwaltungen bekommen ihre Arbeitsaufträge. Zweieinhalb Stunden dauert die Sitzung. Wir setzen uns zum Ziel, bis zum 21. November fertig zu werden. Am 8. November wollen wir uns wieder treffen und dann schon viel weiter sein.

Unser Berliner Korrespondent Werner Kolhoff war zur Zeit des Mauerfalls Sprecher des Senats von Berlin und Vertrauter des damaligen Regierenden Bürgermeisters Walter Momper (SPD). Er schildert in dieser Serie bis 12. November täglich seine persönlichen Erlebnisse rund um den 9. November 1989.

Foto: pr/krohnfoto

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